Beitragvon Reto Senju » Di 10. Feb 2026, 16:49
Zimmer 10E war größer, als Reto es sich beim ersten Betreten vorgestellt damals hatte, und doch wirkte es an diesem Abend enger als sonst. Die technischen Geräte summten leise im Hintergrund, das Licht der Deckenlampe war klar und kühl, und die kleine Kochecke mit Mikrowelle und Minikühlschrank sah aus, als hätte sie noch nie wirklich jemand gebraucht. Reto stellte seine Einkaufstaschen neben den Schreibtisch, schloss die Tür hinter sich und blieb einen Moment einfach stehen, als müsste er sich selbst daran erinnern, dass dieser Raum gerade sein Rückzugsort war. Das Bett war ordentlich gemacht, fast zu ordentlich, und der kleine Tisch wirkte mehr wie ein Arbeitsplatz als wie ein Ort, an dem man zur Ruhe kommen sollte. Er ging zuerst ins kleine Bad, stützte sich am Waschbecken ab und sah in den Spiegel. Sein Gesicht war ruhig, aber die Augen trugen diesen vertrauten Ausdruck von jemandem, der zu viel gesehen und zu wenig vergessen hatte. Er ließ kaltes Wasser über seine Hände laufen, spürte, wie die Kälte ihn kurz in die Gegenwart zog, und kehrte dann langsam ins Zimmer zurück.
Er setzte sich auf die Bettkante und atmete tief aus. Die Stille hier war nicht leer - sie war voller Dinge, die nicht gesagt wurden. Reto wusste, dass er gut darin war, nach außen hin gefestigt zu wirken. Für andere war er jemand, auf den man sich verlassen konnte; jemand, der Haltung bewahrte. Aber in Momenten wie diesem, allein in einem Raum mit einer Nummer statt mit seiner Geschichte, merkte er, wie viel von dieser Haltung einfach Gewohnheit war. Er stand wieder auf, holte sich eine Flasche Wasser aus dem Minikühlschrank und trank langsam, als müsste er die Zeit selbst ein wenig dehnen, um nicht gleich wieder von Gedanken überholt zu werden. Sein Blick fiel auf den Stuhl am Tisch, und ohne recht zu wissen warum, setzte er sich dorthin. Der Raum war modern, sauber, funktional, aber er fühlte sich nicht nach Zuhause an. Vielleicht lag das nicht am Zimmer, sondern an ihm. Reto hatte sich daran gewöhnt, Orte zu wechseln, Rollen zu wechseln, Erwartungen zu erfüllen. Was er nicht mehr so gut konnte, war, einfach nur zu sein. Er verschränkte die Hände vor sich und starrte auf die Tischplatte, als könnte er dort Antworten finden, die sich in seinem Kopf ständig entzogen. Seine Gedanken wanderten, wie sie es immer taten, wenn er nicht aktiv etwas tat, zu Minato. Minato war einer von denen gewesen, die man nicht einfach vergaß. Nicht, weil er perfekt gewesen wäre, sondern weil er auf eine Art lebte, die Reto oft fehlte: offen, klar, ohne diese ständige innere Bremse. Er erinnerte sich an Minatos Lächeln, an die Art, wie er auch in ernsten Momenten etwas Leichtes ausstrahlen konnte, als hätte er ein inneres Gleichgewicht, das Reto selbst nie ganz erreicht hatte. Reto fragte sich manchmal, was Minato wohl zu ihm sagen würde, wenn er ihn jetzt hier sehen könnte, in diesem Zimmer, so ruhig und gleichzeitig so zerrissen. Wahrscheinlich würde er etwas sagen wie, dass Reto sich selbst zu hart beurteilte. Dass man nicht alles allein tragen müsse. Und genau deshalb tat Reto es wohl trotzdem. 'Ich bin es ihm schuldig. Ihm und seinem Vermächtnis.' Tia war eine andere Sache: Sie war nicht tot, aber vorerst für ihn verloren. Er wusste nicht, wo sie war, aber er wollte Takashi auch nicht danach fragen. Warum alte Wunden aufreißen?
Reto lehnte sich im Stuhl zurück und schloss für einen Moment die Augen. Er fragte sich, wie viel von dem, was er tat, wirklich aus eigener Überzeugung kam und wie viel aus Pflichtgefühl. Er hatte gelernt, Verantwortung zu übernehmen, schon früh, und er tat es bis heute. Aber Verantwortung war ein zweischneidiges Schwert. Sie gab Halt, aber sie schnitt auch ab. Sie machte aus Menschen Pfeiler, auf die andere sich stützten, und vergaß dabei, dass Pfeiler selbst nichts hatten, woran sie sich lehnen konnten. Er öffnete die Augen wieder und sah sich noch einmal im Raum um. Zimmer 10E war sauber, ordentlich, technisch perfekt. Und doch wirkte es auf ihn wie eine Übergangsstation. Ein Ort, an dem man wartete, bis etwas anderes begann. Vielleicht wartete er selbst schon zu lange. Auf was? Auf Klarheit. Auf Ruhe. Auf einen Moment, in dem er nicht funktionieren musste, sondern einfach sein durfte. Er würde sich noch Gedanken machen müssen, wie er nun mit den Dingen umgehen sollte. Die Schüler, seine eigene Ausbildung, die Geschichte. Er würde nicht um ein Gespräch mit Hitagi herumkommen. Er stand auf, setzte sich aufs Bett und legte sich schließlich zurück, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, den Blick an die Decke gerichtet. Die Gedanken an Minato und Tia blieben bei ihm, wie leise Stimmen im Hintergrund. Sie trösteten ihn nicht wirklich, aber sie erinnerten ihn daran, dass er einmal Teil von etwas gewesen war, das mehr war als Pflicht und Struktur. Etwas, das aus Verbindung bestanden hatte. Und vielleicht, dachte Reto, während das Licht über ihm gleichmäßig summte, war genau das der Grund, warum diese Erinnerungen nicht verschwanden. Nicht, um ihn traurig zu machen, sondern um ihn daran zu erinnern, dass er noch fähig war, zu fühlen. Und solange das so war, war er nicht verloren.
Nachdenklich hob er die Hand, spielte mit dem durch die Fingerlücken kommenden Lichtstrahlen. Es würde besser werden.
Es gab immer einen neuen Morgen.