Noch am Aufenthaltsbereich:
Die Unterhaltung verlor schließlich immer mehr ihre eigentliche Richtung. Was als lockeres Kennenlernen begonnen hatte, war zwischen medizinischer Neugier, unterschiedlichen Ansichten über Stärke, einer erstaunlich hartnäckig verfolgten Feldstudie und dem ganz eigenen Humor der beiden roten Kinder irgendwann in einem heillosen Durcheinander geendet. Florene konnte sich ein leises Schmunzeln nicht verkneifen. Auch wenn sie bei einigen Aussagen vermutlich noch Tage später rot werden würde, hatte sie das Gespräch tatsächlich genossen. Vor allem die Erzählungen über Shiro und Ken ließen ihren Wissensdurst nur noch weiter wachsen. Am liebsten hätte sie die beiden noch stundenlang mit Fragen gelöchert, doch genauso deutlich war ihr inzwischen bewusst geworden, dass dieser Abend dafür wohl nicht mehr der richtige Zeitpunkt war. Masamunes Erklärung hatte die kleine Meinungsverschiedenheit schließlich ebenfalls aus der Welt geschafft und damit schien das Thema seinen natürlichen Abschluss gefunden zu haben.
Noch ehe jemand das Gespräch wieder aufnehmen konnte, machte sich jedoch das Vibrieren mehrerer Terminals gleichzeitig bemerkbar. Fast synchron griffen alle nach ihren Geräten. Schon beim Lesen der Nachricht veränderte sich die Stimmung schlagartig. Aus einem lockeren Gespräch wurde innerhalb weniger Sekunden angespannte Einsatzbereitschaft. Während Ken und Shiro voller Tatendrang beinahe augenblicklich aufbrachen, verabschiedete sich auch Masamune. Das gemeinsame Essen würde warten müssen. Florene lächelte ihn noch einmal entschuldigend an, wünschte ihm, dass er heil zurückkommen würde, ehe sich schließlich auch ihre Wege trennten. Jeder wusste, wo er jetzt gebraucht wurde.
Kaum war sie selbst unterwegs, vibrierte ihr Terminal erneut. Noch während sie sich ihren Weg machte in die Stadt kam, öffnete sie die eingegangenen Nachrichten. Neben einer kurzen Nachricht von Masamune und einer Mitteilung von Mamoru fiel ihr Blick sofort auf die Antwort von Yixuan. Unwillkürlich atmete sie etwas erleichtert aus. Gut... damit wusste sie wenigstens, wohin sie musste. Die Nachrichten an Mamoru und Senjougahara würde sie noch tippen können, wenn alles vorbei war. Dafür war jetzt keine Zeit. Ohne ihr Tempo zu verringern, öffnete sie stattdessen den Chat mit Yixuan, während sie sich weiter in Richtung Stadt bewegte. So schrieb sie sowohl ihr, als auch Kratos eine Nachricht.
Weg + Straßen:
Je näher sie ihrem Ziel kam, desto deutlicher veränderte sich das Bild um sie herum. Wo vor wenigen Minuten noch das gewohnte Treiben Shinketsus geherrscht hatte, bot sich ihr inzwischen ein Anblick, der ihr den Magen zusammenzog. Überflutete Straßen, eingestürzte Fassaden und umgestürzte Fahrzeuge zeichneten sich zwischen den Wassermassen ab. Menschen versuchten panisch, sich gegenseitig in Sicherheit zu bringen, während andere verzweifelt nach Angehörigen riefen. Dazwischen klebte an Hauswänden, Pflastersteinen und Trümmern eine pechschwarze, zähflüssige Masse, durchzogen von unnatürlich violett-grün pulsierenden Adern. Allein der Anblick jagte Florene einen kalten Schauer über den Rücken. Instinktiv hielt sie Abstand. Irgendetwas an dieser Substanz wirkte falsch. Irgendwie krank. Fast so, als würde sie leben.
Noch ehe sie den Bereich erreichte, in dem Yixuan ihre Stellung beziehen wollte, ließ ein dumpfes Grollen die Luft erzittern. Florene hob den Kopf. Weit entfernt, dort, wo Meer und Horizont sich vereinten, breitete sich eine gewaltige Druckwelle aus. Selbst aus dieser Entfernung konnte sie erkennen, wie unzählige Kreaturen durch die Luft geschleudert wurden und für einen winzigen Moment keimte Hoffnung in ihr auf. Vielleicht... vielleicht würde dieser Angriff die Invasion eindämmen. Doch diese Hoffnung hielt nur Sekunden, weshalb Florene das Zittern unterdrücken musste, welches sich in ihr gerade auszubreiten versuchte. Das brauchte sie nun nicht, nicht jetzt, nicht hier! Diese Menschen hier brauchten ihre Hilfe und sie wollte zeigen, dass sie helfen konnte. Dass sie nützlich war!
Die violett schimmernden Portale begannen heftig zu pulsieren. Ihre Konturen verzerrten sich, als würden sie unter der freigesetzten Chakramenge reißen, doch anstatt zu verschwinden, dehnten sie sich explosionsartig aus. Neue Risse entstanden in der Luft, weitere Portale brachen förmlich aus ihnen hervor und verbanden sich miteinander. Selbst auf diese Entfernung konnte Florene erkennen, wie immer mehr monströse Gestalten aus den gewaltigen Öffnungen strömten. Die Zahl der Kreaturen schien sich innerhalb weniger Augenblicke vervielfacht zu haben. Florene blieb unwillkürlich einen Moment stehen. Ihr Herz schlug spürbar schneller. Das... war keine gewöhnliche Einsatzlage mehr. Was dort draußen geschah, überstieg alles, womit sie bisher zu tun gehabt hatte. Sie zwang sich, tief durchzuatmen, löste den Blick von dem fernen Schlachtfeld und erinnerte sich an ihre eigentliche Aufgabe. Sie war nicht hier, um an der Front zu kämpfen. Menschen würden verletzt werden. Sehr viele Menschen. Und genau dort wurde sie gebraucht.
Als Florene schließlich den vereinbarten Bereich erreichte, entdeckte sie Yixuan bereits zwischen den Trümmern. Während ringsherum Menschen hastig versuchten, sich gegenseitig in Sicherheit zu bringen und das Chaos beinahe greifbar geworden war, wirkte die Weißhaarige beinahe wie das innere eines Tornados. Statt sich von der Hektik anstecken zu lassen, ließ sie ihren Blick ruhig über die Umgebung gleiten, als würde sie jedes einzelne Detail sorgfältig gegeneinander abwägen. Sie folgte Yixuans Blick und verstand schnell, wonach diese suchte. Ein Platz auf Straßenhöhe kam kaum infrage. Überall lagen Trümmer, das Wasser hatte tiefe Gräben durch die Umgebung gezogen und niemand konnte sagen, ob diese seltsame schwarze Masse weitere Gefahren barg. Stattdessen schien Yixuan bereits nach etwas Ausschau zu halten, wo sie ihren Sanitätsbereich einrichten würden. Da Florene dies aber nicht sicher wissen konnte, kam sie näher und wurde langsamer, bis sie neben ihr zum stehen kam. Außer ihr schien noch Niemand sonst angekommen zu sein. „Florene Honnor…. Wie kann und soll ich helfen?!“, fragte die Blauhaarige sofort und wäre direkt bereit los zu legen.









